Warum macht Alko­hol süch­tig ?

Alko­hol­sucht „Alko­ho­lis­mus ist eine chro­ni­sche, pro­gres­sive, unheil­bare Krank­heit, die durch den Ver­lust der Kon­trolle über Alko­hol und andere Beru­hi­gungs­mit­tel gekenn­zeich­net ist.”

Alko­hol ist die bevor­zugte Droge Deutsch­lands. Keine andere Sub­stanz wird in unse­rem Land häu­fi­ger miss­braucht als Alko­hol. Jeder zwölfte Erwach­sene lei­det unter Alko­hol­ab­hän­gig­keit. Das ist eine erstaun­li­che Zahl. Über 3 Mil­lio­nen Deut­sche sind Alko­ho­li­ker, und laut dem Natio­nal­rat für Alko­ho­lis­mus und Dro­gen­ab­hän­gig­keit gibt es eine wei­tere Mil­lio­nen, die ein hohes Risiko haben, vom Alko­hol abhän­gig zu wer­den. Warum trin­ken so viele Men­schen ? Dies ist eine wich­tige und berech­tigte Frage, da jede Stunde 10 Men­schen an alko­hol­be­ding­ten Ursa­chen ster­ben. Also, warum ist Alko­hol süch­tig machend ?

Die Ant­wort liegt im Gehirn.

Es stellt sich her­aus, dass Etha­nol, die Art von Alko­hol im Inne­ren von Geträn­ken für Erwach­sene, an sich nicht süch­tig macht. Die che­mi­schen Reak­tio­nen, die Etha­nol in unse­rem Gehirn ver­ur­sacht, machen süch­tig. Die Wis­sen­schaft, die erklärt, warum Alko­hol süch­tig macht, ist kom­plex und wird aus­führ­lich dis­ku­tiert. Im Wesent­li­chen ist Alko­hol jedoch süch­tig machend, weil er benö­tigt wird, um sich nor­mal zu füh­len. Es wird die Welt der Neu­ro­trans­mit­ter, Endor­phine, Gene­tik und sozio­lo­gi­schen Argu­men­ta­tion unter­sucht, um her­aus­zu­fin­den, warum Alko­hol süch­tig macht.

Neu­ro­trans­mit­ter und Alko­hol

Die Che­mi­ka­lien, die für die Über­mitt­lung von Nach­rich­ten von der Ner­ven­zelle zur Ner­ven­zelle ver­ant­wort­lich sind, Nach­rich­ten, die unse­ren Kör­per zur Funk­tio­na­li­tät brin­gen, wer­den Neu­ro­trans­mit­ter genannt. Sie bewe­gen sich von Trans­port- zu Emp­fän­ger­stel­len an den Ner­ven. Ihr Herz­schlag, Ihre Atmung, Ihr Blin­zeln, Ihre Ver­dau­ung und eine Viel­zahl ande­rer Funk­tio­nen hän­gen von Neu­ro­trans­mit­tern ab. Sie lie­fern Bot­schaf­ten, die dem Kör­per sagen, was er tun soll. Es gibt zwei Arten : hem­mend und erre­gend. Die hem­men­den Neu­ro­trans­mit­ter hel­fen, das Gehirn zu beru­hi­gen, und sind mit Gleich­ge­wicht und Leich­tig­keit ver­bun­den. Die erre­gen­den Neu­ro­trans­mit­ter sti­mu­lie­ren das Gehirn und ermög­li­chen Fokus­sie­rung, Auf­merk­sam­keit und andere Funk­tio­nen, die eine höhere als erhol­same Gehirn­ak­ti­vi­tät erfor­dern.

GABA

Der wich­tigste hem­mende Neu­ro­trans­mit­ter im mensch­li­chen Kör­per ist die Gamma-Ami­no­but­ter­säure, bekannt als GABA. Es ist ver­ant­wort­lich für die Redu­zie­rung der Erreg­bar­keit im Gehirn. Alko­hol erhöht die Menge an GABA, die über­tra­gen wird, was das Gehirn auf abnor­male Werte anhebt. Des­halb haben betrun­kene Men­schen Schwie­rig­kei­ten beim Gehen, Reden und Erin­ne­rungs­ver­mö­gen. Die erhöhte Signal­wir­kung von GABA sediert das Gehirn. Die­ser Pro­zess fin­det jedes Mal statt, wenn jemand Alko­hol kon­su­miert, und er wird inten­si­ver, wenn mehr Alko­hol kon­su­miert wird.

Lang­fris­ti­ger Alko­hol­miss­brauch zwingt das Gehirn, sich an diese erhöhte Hem­mung anzu­pas­sen. Was das Gehirn wie­derum tut, ist die Erhö­hung der Menge an Glut­amat, einem erre­gen­den Neu­ro­trans­mit­ter. Glut­amat erhöht die Hirn­ak­ti­vi­tät und wirkt dem erhöh­ten GABA-Spie­gel im Wesent­li­chen ent­ge­gen. Je mehr Alko­hol kon­su­miert wird, desto mehr GABA wird über­tra­gen, und desto mehr Glut­amat wird abge­ge­ben, um das Gleich­ge­wicht zu hal­ten. Diese che­mi­sche Ket­ten­re­ak­tion ist es, die eine Tole­ranz gegen­über Alko­hol aus­löst. Eine Tole­ranz gegen­über Alko­hol bedeu­tet, dass immer mehr Getränke gebraucht wer­den, um die glei­che Wir­kung zu erzie­len. Die Inten­si­tät der Tole­ranz wächst mit der Zeit.

Dopa­min

Ein wei­te­rer Neu­ro­trans­mit­ter, den Alko­hol beein­flusst, ist Dopa­min. Das Beloh­nungs­sys­tem des Gehirns besteht aus Dopa­min, das frei­ge­setzt wird, wenn wir Freude emp­fin­den. Dopa­min spielt eine Rolle beim Essen, Schla­fen, Sex und allen ande­ren Funk­tio­nen, die wir für ange­nehm hal­ten. Dopa­min wird auch durch den Kon­sum von Alko­hol frei­ge­setzt. Da einige der ers­ten Aus­wir­kun­gen von Alko­hol ange­nehm sind, hält das Gehirn den Alko­hol­kon­sum für loh­nend und ver­stärkt ihn durch die Frei­set­zung von Dopa­min.

Mit der Zeit ver­schlech­tert der Alko­hol­miss­brauch die Dopa­min-Trans­por­ter- und Rezep­tor­stel­len des Gehirns. Ein deut­sches psych­ia­tri­sches Zen­trum hat kürz­lich einen Test an ver­stor­be­nen alko­ho­li­schen Gehir­nen durch­ge­führt und bewie­sen, dass dies zutrifft. Laut der Stu­die wird län­ge­rer Alko­hol­miss­brauch „letzt­end­lich die Fähig­keit des Gehirns, Dopa­min zu ver­wen­den, beein­träch­ti­gen und anschlie­ßend die Fähig­keit des Ein­zel­nen, Freude zu emp­fin­den, hem­men”.

Wenn Alko­ho­li­ker auf­hö­ren zu trin­ken, ver­ur­sa­chen die erhöh­ten GABA‑, Glut­amat- und Dopa­min­werte Ent­zugs­er­schei­nun­gen wie Hal­lu­zi­na­tio­nen, Zit­tern, Krämpfe und sogar Deli­rium Tre­mens, ein Zustand, der 2 – 3 Tage andau­ert und Zit­ter, Zit­tern, unre­gel­mä­ßi­gen Herz­schlag, Schwit­zen, hohe Kör­per­tem­pe­ra­tur und/​oder Anfälle beinhal­tet.

Endor­phine und Alko­hol

Das Wort „Endor­phin” ist eigent­lich eine Mischung aus zwei Wör­tern : „endo­gen” und „Mor­phium”. Etwas Endo­ge­nes ent­steht aus dem Inne­ren eines Orga­nis­mus. Mor­phium ist ein star­kes Opioid-Schmerz­mit­tel. Endor­phine sind mor­phin­ar­tige Mole­küle, die vom zen­tra­len Ner­ven­sys­tem pro­du­ziert und vom Kör­per frei­ge­setzt wer­den, um kör­per­li­chen Schmer­zen ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Frei­set­zung von Endor­phin kann auch ein Gefühl der Eupho­rie her­vor­ru­fen.

Endor­phine wer­den auf natür­li­che Weise als Reak­tion auf Schmer­zen pro­du­ziert, aber auch durch mensch­li­che Akti­vi­tä­ten wie Trai­ning und Lachen. Alko­hol­miss­brauch setzt auch Endor­phine frei. Ver­schie­dene Teile des Gehirns set­zen Endor­phine ent­spre­chend den unter­schied­li­chen Reak­tio­nen frei, und Alko­hol setzt Endor­phine in zwei ver­schie­de­nen Tei­len frei : dem Kern accum­bens und der Orbito­front.

Gene­tik und Alko­hol

for­scher erklä­ren, dass „gene­ti­sche Fak­to­ren etwa die Hälfte der Wahr­schein­lich­keit aus­ma­chen, dass ein Indi­vi­duum Sucht ent­wi­ckelt”. Das ist sinn­voll, wenn man bedenkt, dass unsere Gene­tik alle unsere Eigen­schaf­ten bestimmt. Unsere Augen­farbe, unsere Haar­farbe, wel­che Lebens­mit­tel wir mögen, hängt alles von der Gene­tik ab. Eine gene­ti­sche Ver­an­la­gung zum Alko­ho­lis­mus kann eben­falls wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Nur die Ten­denz zum Alko­ho­lis­mus kann ver­erbt wer­den ; die Ver­er­bung von Genen von alko­ho­li­schen Eltern garan­tiert kei­nen alko­ho­li­schen Lebens­stil.

Es gibt kein ein­zi­ges Gen, das Alko­ho­lis­mus ver­ur­sacht. Die Kar­tie­rung der mensch­li­chen Gene ist seit vie­len Jah­ren ein lau­fen­des Pro­jekt in der Wis­sen­schaft. Es ist noch nicht geklärt, wel­che Gene zum Alko­ho­lis­mus bei­tra­gen, aber es wird ange­nom­men, dass viele dies tun. Diese Gene wür­den alle kleine Teile eines Gesamt­bil­des dar­stel­len. Stu­dien haben gezeigt, dass bestimmte Kom­bi­na­tio­nen von Genen eine starke Bezie­hung zum Alko­ho­lis­mus haben.

Soziale Pro­bleme und Alko­hol

Die andere Seite der Medaille sind aber auch die sozia­len Aspekte der Alko­hol­ab­hän­gig­keit. Abge­se­hen davon, dass das Gehirn jeman­dem sagt, dass er oder sie Alko­hol braucht, warum trinkt jemand ? Sicher­lich hat jeder ein­zelne Trin­ker eine indi­vi­du­elle Argu­men­ta­tion, aber die fol­gen­den sind einige typi­sche soziale Gründe, warum Men­schen vom Alko­hol abhän­gig wer­den.

Da Alko­hol gesell­schaft­lich aner­kannt ist, ist auch der andau­ernde Genuss des sol­chen nicht gesell­schaft­lich geäch­tet. Erst wenn es zu spät ist, und Betrof­fene Aus­fall­erschei­nun­gen haben oder sich nicht mehr unter Kon­trolle haben, wird man mit als Süch­ti­ger wahr­ge­nom­men. Dann ist es aller­dings zu spät.

Beginn der Behand­lung

Alko­ho­lis­mus ist defi­niert als eine unheil­bare Krank­heit, das bedeu­tet nicht, dass sie nicht behan­del­bar ist. Es gibt Mil­lio­nen von Men­schen auf der gan­zen Welt, die in der Lage waren, sich mit der rich­ti­gen Behand­lung und den rich­ti­gen lebens­lan­gen Stra­te­gie 100% vom Alko­ho­lis­mus erholt haben.