Ein­lei­tung

Die Sko­liose ist wohl die am längs­ten bekannte ortho­pä­di­sche Erkran­kung. Die zuneh­mende Ver­än­de­rung des Kör­pers hat die Men­schen zu allen Zei­ten stark und zu inten­si­ve­ren Bemü­hun­gen um die Auf­klä­rung und Behand­lung die­ser Krank­heit geführt. Den­noch wur­den bis heute viele Pro­bleme, die die Sko­liose bie­tet, noch nicht befrie­di­gend gelöst. Man kann sagen, dass die Sko­liose zu den kom­ple­xes­ten Erkran­kun­gen des Bewe­gungs­ap­pa­ra­tes gehört.

Der Auf­bau der Wirbelsäule

Die Wir­bel­säule wird von oben nach unten in fünf Abschnitte unterteilt :

Hals­wir­bel­säule (7 Wir­bel), Brust­wir­bel­säule (12f Wir­bel), Len­den­wir­bel­säule (5 Wir­bel), Kreuz­bein (5 mit­ein­an­der ver­schmol­zene Wir­bel), Steiß­bein (4 bis 5 rudi­men­täre Wirbel).

Die Wir­bel­säule hat eine dop­pelte-S-Form, 2 Lordose (Hals­wir­bel­kör­per 1 bis 6 ; Brust­wir­bel­kör­per 9 bis Len­den­wir­bel­kör­per 5) und 2 Kyphose (Hals­wir­bel­kör­per 6 bis Brust­wir­bel­kör­per 9 ; Kreuz­bein und Steiß­bein). Die phy­sio­lo­gi­schen Krüm­mun­gen hel­fen zum einen, zusam­men mit den Band­schei­ben, Band­struk­tu­ren und der Wir­bel­säu­len­mus­ku­la­tur Stöße abzu­fe­dern, die ansons­ten unge­hin­dert Gehirn, Rücken­mark und andere Organe schä­di­gen könnten.

Unter dem Ein­fluss der zuneh­men­den Belas­tung wer­den Wir­bel­kör­per und Band­schei­ben von oben nach unten brei­ter und höher, die Bän­der kräf­ti­ger.

Die Defi­ni­tion der Skoliose

Die Sko­liose ist eine Seit­ver­bie­gung der Wir­bel­säule, bei gleich­zei­ti­ger Rota­tion der Wir­bel. Durch die Rota­tion und Tor­sion der Wir­bel­kör­per ent­steht auf der Kon­vex­seite der Krüm­mung ein soge­nannte Rip­pen­bu­ckel und auf der Kon­kav­seite ein Rip­pen­tal. Die Tho­rax­de­for­mie­rung ist auch auf der Vor­der­seite des Brust­korbs sicht­bar. Die zuneh­mende Ver­krüm­mung der Wir­bel­säule ist gleich­zei­tig mit einer zuneh­men­den Ver­stei­fung die­ser verbunden.

Die Sko­liose kann sich aus einer Pri­mär­krüm­mung, meist im Bereich der Brust­wir­bel­säule und einer Sekun­där­krüm­mung bestehen. Die erste ist stär­ker aus­ge­prägt, umfasst mehr Seg­mente und tritt als erste auf.

Die Typen der Krankheit

Es gibt unter­schied­li­che Arten der Skoliose.

Die C‑förmige Sko­liose, ist eine ein- und groß­bo­gige Ver­krüm­mung der Wir­bel­säule, diese fin­det man meist bei Säug­lin­gen. Die kurz­bo­gige Sko­liose, tritt meis­tens nach einem Kno­chen­de­fekt auf. Die S‑förmige Sko­liose, sie besteht aus zwei Pri­mär­krüm­mun­gen. Die dop­pel-S-för­mige Sko­liose weist drei Pri­mär­krüm­mun­gen auf. Die Trip­pel-Sko­liose hat zwei Pri­mär- und eine Sekundärkrümmung.

Anhand ver­schie­de­ner Krüm­mun­gen wird grob zwi­schen tho­ra­ka­len, lum­ba­len, tho­ra­ko­lum­ba­len, tho­ra­ka­len und lum­ba­len Sko­liose unterschieden.

Die struk­tu­relle Skoliosen

Etwa 85% bis 90% der struk­tu­rel­len Sko­lio­sen sind idio­pa­thi­schen Ursprungs, dass heißt die ursäch­li­che Stö­rung ist hier­bei nicht bekannt. Die rest­li­chen 10% bis 15% ent­ste­hen auf­grund von Knochen‑, Mus­kel- und neu­ro­lo­gi­schen Erkrankungen.

Bei die­ser Form der Sko­lio­sen sind die Wir­bel ver­formt. Sie wer­den durch die seit­li­che Krüm­mung, ihre Immo­bi­li­tät (Fixa­tion) und Rota­tion der Wir­bel­kör­per um ihre ver­ti­kale Achse definiert.

Idio­pa­thi­sche Sko­liose ent­steht vor allem in der Wachs­tums­zeit, aus die­sem Grund wird sie auch als Wachs­tums­de­for­mi­tät betrachtet.

Bei der Ent­wick­lung der idio­pa­thi­schen Sko­liose wach­sen die Wir­bel­kör­per in eine Rich­tung lang­sa­mer als in die andere. Durch die­ses unglei­ches Wachs­tum ein­zel­ner oder meh­rere Wir­bel kommt es zu deren Tor­sion und Rota­tion, die wie­derum eine Rota­tion der gesam­ten Wir­bel­säule her­vor­ruft. Als Ergeb­nis ist die Wir­bel­säule seit­lich nach rechts oder links verbogen.

Je nach Erkran­kungs­be­ginn wird die idio­pa­thi­sche Sko­liose unter­teilt in :

  • Säug­lingssko­liose, diese ist ent­we­der ange­bo­ren oder wird im ers­ten Lebens­jahr erwor­ben. Sie bil­det sich in ca. 80% der Fälle von selbst zurück

  • Infan­tile Sko­liose tritt im zwei­ten und drit­ten Lebens­jahr ver­mehrt bei Jun­gen auf und hat häu­fig einen güns­ti­gen Verlauf

  • Juve­nile Sko­liose tritt zwi­schen dem vier­ten Lebens­jahr und der Puber­tät auf

  • Ado­les­zenssko­liose hat ihren Beginn wäh­rend der Pubertät

Nach dem Wachs­tums­ab­schluss ist ihre Pro­gre­di­enz in all­ge­mei­nem gering. Starke Sko­lio­sen tre­ten bei Mäd­chen häu­fi­ger auf als bei Jun­gen, die Ursa­che hier­für ist unbekannt.

Bei den rest­li­chen 15% bis 20% der struk­tu­rel­len Sko­liose fin­det man eine ange­bo­rene Fehl­bil­dun­gen und neu­ro­mus­ku­läre Erkran­kun­gen, z.B. Zere­bral­pa­rese, spi­no­ze­re­brale Dege­ne­ra­tion. Andere neu­ro­nale Ent­zün­dun­gen, sowie Trau­men und Tumo­ren des Rücken­mar­kes mit Läh­mungs­fol­gen sind, myo­pa­thi­sche Lei­den, beson­ders Mus­kel­dys­tro­phie. Neu­ro­fi­broma­tose und Ver­for­mung von Wir­bel­kör­pern durch Tumore, Tumore und bak­te­ri­elle sowie extra­ver­te­brale Kon­trak­tu­ren nach Ope­ra­tion, Pleu­ra­em­phyem und Thoraxplastik.

Es gibt viele Arten der struk­tu­rel­len Skoliose :

  • Myo­pa­thi­sche Sko­liose, hier­un­ter ver­steht man eine Ver­krüm­mung der Wir­bel­säule auf­grund einer Muskelerkrankung

  • Neu­ro­pa­thi­sche Sko­liose, hier­bei liegt eine ner­vale Fehl­funk­tion zu Grunde. Die Seit­ver­bie­gung ent­steht durch eine ein­sei­tige Läh­mung der Rumpf­mus­ku­la­tur bedingt durch einen Nervenausfall

  • Osteo­pa­thi­sche Sko­liose, bei die­ser liegt vor allem eine Stö­rung der Wir­bel­kör­per­sym­me­trie durch Fehl­bil­dun­gen oder Frakturen

  • Kon­ge­ni­tale Sko­liose, dabei han­delt es sich um ange­bo­rene Fehl­bil­dun­gen im Bereich der Wir­bel­säule durch For­ma­ti­ons- oder Segmentationsstörungen

  • Sko­lio­sen bei rheu­ma­ti­schen Erkrankungen

  • Post­trau­ma­ti­sche oder iatro­gene Sko­lio­sen, diese ent­ste­hen nach Wir­bel­frak­tu­ren, Thoraxplastiken

  • Nar­bens­ko­liose, kann nach einem Pleu­ra­em­phyem oder Ver­bren­nung entstehen

  • Sko­lio­sen bei Stoff­wech­sel­stö­run­gen, z.B. bei Rachi­tis oder Homozystinurie

Nicht­struk­tu­relle Skoliosen

Diese Sko­lio­sen sind funk­tio­nell bedingt. Sie wei­sen nor­male Wir­bel­struk­tu­ren und keine Rota­tion auf, sind jedoch häu­fig fixiert. Sie ver­schwin­den, wenn die Ursa­chen besei­tigt wer­den. Es kön­nen Bein­län­gen­dif­fe­renz, Hüft­kon­trak­tu­ren, Band­schei­ben­vor­fälle und vis­ze­rale Ent­zün­dun­gen, bei denen reflek­to­risch eine Schon­hal­tung ein­ge­nom­men wird, sein.

Sym­ptome

Im Säug­lings­al­ter zeigt sich eine Sko­liose durch die schiefe Lage des Kin­des, die durch eine C‑förmige Ver­krüm­mung der Brust resul­tiert. Beglei­tend wird häu­fig eine Abduk­ti­ons­stel­lung eines Hüft­ge­len­kes beob­ach­tet. Dar­über hin­aus hält der Säug­ling sein Hals schief, diese Erschei­nung wird als Schräg­la­ge­syn­drom bezeichnet.

Die meis­ten Sko­lio­sen wer­den erst­ma­lig im Alter von 10 bis 12 Jah­ren diagnostiziert.

Auf­grund der Schmerz­lo­sig­keit die­ser Ver­än­de­run­gen im Kin­der­al­ter wird die Sko­liose meist zufäl­lig von Drit­ten entdeckt.

Es kön­nen Schmer­zen beim län­ge­ren Sit­zen oder Ste­hen auftreten.

Bei einer unbe­han­del­ten Sko­liose tritt eine anhal­tende Ver­kür­zung des Rumpfs ein.

Krank­heits­ver­lauf

Die Sko­lio­sen kön­nen wäh­rend des Wachs­tums jeder­zeit zuneh­men. Für die­ses oft schub­ar­tige Fort­schrei­ten der Sko­liose gibt es keine pro­gnos­ti­schen Para­me­ter. Außer­dem sind infan­tile und juve­nile Sko­liose wäh­rend der Puber­tät oft stär­ker fort­schrei­tend. Bei den Erwach­se­nen schrei­tet die Sko­liose nur mini­mal voran. Die durch Sko­liose bedingte Fehl­sta­tik der Wir­bel­säule begüns­tigt deren ver­stärkte Abnut­zung, dies hat ver­mehrte Schmer­zen mir zuneh­men­dem Alter zur Folge.

Als Folge der Sko­liose kann es zu einem Band­schei­ben­vor­fall und einer Ver­stei­fung der Wir­bel­säule kom­men. Hüft- und Knie­ge­lenke sind von der dau­er­haf­ten Fehl­be­las­tung auch betrof­fen. Durch die Ver­dre­hung der Wir­bel­säule und die damit bedingte Ver­kür­zung des Rumpfs kann es in stark aus­ge­präg­ten Fäl­len dazu kom­men, dass sich der Brust- und Bauch­raum ver­klei­nert und es zu Funk­ti­ons­ein­schrän­kun­gen ver­schie­de­ner innere Organe (Herz, Lunge, Magen, Darm) kommt.

Bei hoch­gra­di­gen Sko­lio­sen, wie z.B. den neu­ro­pa­thi­schen, kann es durch die starke Ein­schrän­kung der Funk­tion zu einer lebens­be­droh­li­chen Herzinsuffizienz.

Dia­gnose

Ent­schei­dend für die Dia­gnos­tik der Sko­liose ist die kli­ni­sche Unter­su­chung des ent­klei­de­ten Pati­en­ten. Dabei fällt vor allem die rota­ti­ons- und tor­si­ons­be­dingte Ver­schie­bung des Rump­fes auf. Der Ver­lauf der Dorn­fort­sätze zeigt die Sei­ten­ver­schie­bung, wobei ca. 80% der idio­pa­thi­schen Sko­lio­sen tho­ra­kal rechts­kon­vex ver­lau­fen. Die Pro­mi­nenz der Rip­pen wird als Rip­pen­bu­ckel bezeich­net, die­ser ent­steht durch die ana­to­mi­sche Ver­bin­dung der Rip­pen mit der Wir­bel­säule über die kos­to­ver­te­brale und kos­to­trans­ver­sale Gelenke. Die Wir­bel­tor­sion und –rota­tion erzeu­gen diese auf­fäl­ligste Ver­än­de­rung, die sich bei der Vorn­über­nei­gung verstärkt.

Der Vor­beu­ge­test ist eine der dia­gnos­ti­schen Metho­den. Bereits begin­nende Sko­lio­sen sind hier­bei anhand der Niveau­dif­fe­renz durch die Beur­tei­lung der Rücken­sym­me­trie dia­gnos­ti­zier­bar. Bei die­sem Test beugt sich der Pati­ent nach vorne über. Ein Lot vom Hin­ter­haupt zeigt, ob bezo­gen auf die Gesäß­falte, eine Seit­ab­wei­chung besteht. Bei hocht­ho­ra­ka­len Sko­liose ist das Niveau bei­der Schul­ter ver­än­dert. Bei lum­ba­len sind die Tail­len­drei­ecke unter­schied­lich und es besteht eine Lendenwulst.

Die rönt­ge­no­lo­gi­sche Dia­gnos­tik erfor­dert groß­for­ma­tige, die gesamte Brust- und Len­den­wir­bel­säule im Ste­hen abbil­dende Rönt­gen­auf­nah­men. Die Bein­län­gen­dif­fe­ren­zen wer­den vor­her durch Brett­chen­un­ter­lage ausgeglichen.

Am Rönt­gen­bild las­sen sich Form und Aus­maß der Sko­liose beur­tei­len. Die Schei­tel­wir­bel lie­gen im Zen­trum der Krüm­mung. Die Neu­tral­wir­bel sind die­je­ni­gen, an denen die Krüm­mung einen Rich­tungs­wech­sel hat. Der grö­ßere Krüm­mungs-radius wird als Kon­ve­xi­tät, der klei­nere als Kon­ka­vi­tät der Sko­liose bezeichnet.

Die Win­kel­mes­sung erfolgt nach das Cobb-Ver­fah­ren. Der Win­kel der Krüm­mung wird am Schnitt­punkt der Senk­rech­ten zu den Deck- und Grund­plat­ten der Neu­tral­wir­bel ermit­telt. Bei Win­keln unter 20° han­delt es sich um eine leichte, bei 20° bis 50° um eine mit­tel­schwere und ab 50° um eine schwere Skoliose.

Der Aus­maß der Rota­tion der Wir­bel gegen­ein­an­der, nach Dre­rup, ist an der Stel­lung der Wir­bel­bo­gen­spit­zen bezo­gen auf den Wir­bel­kör­perr­and erkenn­bar. An einem Ras­ter­nor­mo­gramm, wel­ches auf das Rönt­gen­bild gelegt wird, lässt sich so der Rota­ti­ons­win­kel ablesen.

Die pro­gnos­tisch wich­tige Beur­tei­lung der Ske­lett­reife erfolgt anhand der Ossi­fi­ka­tion der Becken­kamm­a­po­physe, dem Ris­ser-Zei­chen (Sta­dium 0 – 5).

Bei hoch­gra­di­gen Ver­krüm­mun­gen ist durch die erheb­li­che Tor­sion der Wir­bel­säule die Defor­mi­tät in den Stan­dard­auf­nah­men nur schwie­rig zu erfas­sen. Aus die­sem Grund wird eine Auf­nahme im soge­nann­ten Plan d’élection durch­ge­führt. Hier­bei wird die Ebene der Rönt­gen­un­ter­su­chung par­al­lel zur Kon­ka­vi­tät der Sko­liose gelegt.

Die Trak­ti­ons­auf­nah­men doku­men­tie­ren die Kor­ri­gier­bar­keit der Sko­liose unter Zug. 

Ben­ding-Auf­nah­men, in Links- und Rechts­nei­gung, zei­gen die Kor­ri­gier­bar­keit der Sko­liose durch Umkrümmung. 

Rönt­gen­un­ter­su­chun­gen soll­ten nicht öfter als ein­mal pro Jahr statt­fin­den, da sich betrof­fene Wir­bel­säu­len spe­zi­ell in der Puber­tät durch Strah­len dra­ma­tisch ver­schlech­tern kön­nen. Es gibt aller­dings auch die Mög­lich­keit eine Sko­lio­me­ter­mes­sung nach W.P. Bun­nell durch­zu­füh­ren. Dabei wird mit Hilfe von Sen­so­ren eine drei­di­men­sio­nale Ver­mes­sung der Wir­bel­säule durchgeführt.