Die Erkran­kun­gen kön­nen schwer und mild sein. Jeder weiß das, und jeder scheint es zu ver­ste­hen. Doch wie bei der Zäh­lung der Pati­en­ten ist auch hier die Klar­heit trü­ge­risch. Wenn jemand an Krebs erkrankt ist, wer­den wir sicher­lich sagen, dass die Per­son sehr krank ist, auch wenn sie sich im Moment selbst wohl fühlt und viel­leicht nicht ein­mal ahnt, dass sie krank ist. Ande­rer­seits kön­nen wir, nach­dem wir uns von der Grippe erholt haben, sagen : „Ich bin sehr schwer erkrankt”, also nicht die Gefahr der Krank­heit, zumal sie schon vor­bei ist, son­dern wie ich mich fühle.

Das Sym­ptom

Diese Zwei­deu­tig­keit ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass wir in die­sen bei­den Fäl­len über völ­lig unter­schied­li­che Dinge spre­chen. Im ers­ten Fall spre­chen wir über die Krank­heit. Im zwei­ten Fall han­delt es sich um eine Erkran­kung, die wäh­rend der Krank­heit auf­ge­tre­ten ist. Wenn eine Per­son hus­tet, ist es schwer zu sagen, woran sie erkrankt ist. Hus­ten ist nur ein ein­zel­nes Krank­heits­zei­chen oder Sym­ptom. Jedes Sym­ptom kann bei vie­len Krank­hei­ten auftreten. 

Die Sym­ptome tre­ten nie allein auf, ohne dass andere Krank­heits­zei­chen damit einhergehen. 

Jeder von ihnen hat „Ver­wandte”, das heißt es gibt gleich­zei­tig andere, genau defi­nierte Sym­ptome. Wenn wir mit unse­rem Bei­spiel einer Per­son, die an Hus­ten lei­det, fort­fah­ren, möch­ten wir fra­gen, ob sie Schnup­fen oder Kopf­schmer­zen oder nicht sehr hohes Fie­ber hat. Das Schnup­fen, das Hus­ten, die Kopf­schmer­zen und nied­ri­ges Fie­ber sind „Ver­wandte”. Nor­ma­ler­weise tau­chen sie gemein­sam auf. 

Gleich­zei­tig kann man einen Pati­en­ten kaum so fra­gen, wenn ihm übel ist. Natür­lich kann plötz­lich Übel­keit auf­tre­ten, aber es wird ein ein­fa­cher Fall sein, es hat nichts mit dem Hus­ten und dem Schnup­fen zu tun. Eine Gruppe ver­wand­ter Sym­ptome, die gewöhn­lich gleich­zei­tig auf­tre­ten, wird als Syn­drom bezeich­net. Es ist das Syn­drom, das den Zustand des Pati­en­ten zu einem bestimm­ten Zeit­punkt bestimmt.

Das Syn­drom

Ein Sym­ptom wird nur dann wich­tig, wenn meh­rere Sym­ptome vor­han­den sind. Diese Kom­bi­na­tion wird als Syn­drom bezeichnet.

Wie die Sym­ptome kann das­selbe Syn­drom bei ver­schie­de­nen Erkran­kun­gen auf­tre­ten. Das Hus­ten, das Schnup­fen und die Kopf­schmer­zen kön­nen den Zustand des Pati­en­ten für eine Weile bestim­men, wenn er an einer Erkäl­tung, einer Grippe, einer Lun­gen­ent­zün­dung oder der Tuber­ku­lose lei­det. Daher kann nicht nur das Sym­ptom, son­dern auch das Syn­drom nicht als Grund­lage für die Beur­tei­lung der Krank­heit her­an­ge­zo­gen werden.

Die Krank­heit

Eine Krank­heit ist eine Kette von Syn­dro­men, ihre natür­li­che Abfolge. Es ist diese Abfolge von Syn­dro­men, die ein Bild des Lei­dens im Laufe der Zeit ent­ste­hen lässt, ein Bild des Pro­zes­ses, der sei­nen Anfang, sei­nen Ver­lauf und sein Ende hat. Die­ser Pro­zess ist die Krankheit. 

Wenn man all diese theo­re­ti­schen Schwie­rig­kei­ten ver­stan­den hat, ist es nicht schwer, den gro­ßen Unter­schied zwi­schen den Aus­sa­gen „Er hat eine sehr ernste Krank­heit” und „Er hat eine sehr ernste Erkran­kung” zu ver­ste­hen. Die Erkran­kung (Syn­drom) bestimmt, wie schwer die Erkran­kung im Moment ist, und sagt nichts oder zumin­dest nicht genug über den Schwe­re­grad der Erkran­kung aus.

Die Unter­schiede in der Psychologie

Das Sym­ptom wird all­ge­mein als Zei­chen einer psy­chi­schen Erkran­kung bezeich­net und weist auf eine Abwei­chung vom nor­ma­len Ver­lauf psy­chi­scher Pro­zesse hin, die zu einer Stö­rung der indi­vi­du­el­len und sozia­len Funk­ti­ons­fä­hig­keit einer Per­son füh­ren kann.

Es gibt viele Sym­ptome, die mit einer Stö­rung der Wahr­neh­mung, des Den­kens, der Emo­tio­nen, des Gedächt­nis­ses, des Bewusst­seins, der Auf­merk­sam­keit, des Spre­chens und des Schlafs ver­bun­den sind.

Ein Sym­ptom ist jedoch kein cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal einer psy­chi­schen Erkran­kung, es kann bei ver­schie­de­nen Arten von psy­chi­schen Stö­run­gen beob­ach­tet wer­den. Dar­über hin­aus weist sie an sich nicht immer auf das Vor­lie­gen einer psy­chi­schen Erkran­kung hin, die manch­mal bei einem psy­chisch gesun­den Men­schen auftritt.

Alle psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Syn­drome (ein ande­rer Begriff ; sog. jede Mani­fes­ta­tion einer psy­chi­schen Stö­rung) kön­nen als eine sehr lange und detail­lierte Skala ange­ord­net wer­den, die ihren Schwe­re­grad wider­spie­gelt. Es genügt jedoch zu sagen, dass sie unter die­sem Gesichts­punkt in zwei große Grup­pen unter­teilt sind. Es han­delt sich um Psy­cho­sen und um Zustände, die nicht psy­cho­tisch sind.

Bei der Ent­schei­dung über die Gren­zen der Kom­pe­tenz von Psych­ia­tern und Psych­ia­trie-Erfah­re­nen, bei der Bestim­mung des Umfangs wis­sen­schaft­li­cher Pro­bleme ist eine der schwie­rigs­ten, die Gren­zen der psy­chi­schen Norm und Patho­lo­gie zu bestim­men. Die Ver­su­che, es zu lösen, wur­den von mehr als einer Genera­tion von Psych­ia­tern, Phi­lo­so­phen, Psy­cho­lo­gen, Sozio­lo­gen und ande­ren Spe­zia­lis­ten unter­nom­men, aber bis­her gibt es noch keine end­gül­tige Ant­wort. Offen­bar ist es unwahr­schein­lich, dass sie in abseh­ba­rer Zeit erreicht wird.

Alle Ver­su­che, eine klare Linie zwi­schen den Begrif­fen der psy­chi­schen Norm und der Patho­lo­gie zu zie­hen, sind bis­her erfolg­los geblie­ben. Daher zie­hen Psych­ia­ter eine Schluss­fol­ge­rung über das Feh­len oder das Vor­han­den­sein einer sol­chen Patho­lo­gie bei einer Per­son auf der Grund­lage ihrer Berufs­er­fah­rung, indem sie die Beson­der­hei­ten der Mani­fes­ta­tio­nen der Krank­heit, die Mus­ter ihrer Ent­wick­lung und ihres Ver­laufs bei vie­len Pati­en­ten sowie die Ergeb­nisse zusätz­li­cher Stu­dien unter­su­chen und bei der Iden­ti­fi­zie­rung einer Patho­lo­gie diese als psy­chi­sche Stö­rung, psy­chi­sche Krank­heit, Sym­ptom oder Syn­drom charakterisieren.